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Rezension – Sebastian Lörscher: Making Friends in Bangalore. Mit dem Skizzenbuch durch Indien (Edition Büchergilde)

Darf man den digitalen Kanälen glauben, so hält der gemeine Tourist bzw. Reisende – als Tourist will sich ja niemand mehr diskreditieren lassen – seine Eindrücke ferner Länder heute vor allem in Form von Selfies mit der Smartphone-Kamera fest. Soweit auch kein Problem, nur werden diese Bilder inzwischen auch irgendwie austauschbar. Umso schöner, wenn ein Reisender einen – Achtung: Wortspiel 😉 – anderen Weg einschlägt und seine Eindrücke in einem fremden Land per Skizzenbuch mit Feder, Tusche und Buntstift festhält. Konkret: Der Berliner Autor und Illustrator Sebastian Lörscher ist im November 2011 in die südindische IT-Metropole Bangalore gereist und hat besagtes Skizzenbuch Anfang 2014 unter dem Titel Making Friends in Bangalore. Mit dem Skizzenbuch in Indien in der Edition Büchergilde publiziert. Inzwischen ist der liebevoll gemachte Band mehrfach preisgekürt. So zeichnete die Stiftung Buchkunst Lörschers Reisetagebuch im Juni als eines der schönsten Bücher 2014 in der Kategorie Allgemeine Literatur aus und im Juli 2014 erhielt Making Friends in Bangalore den mit 2000 Euro dotierten Sondermann Newcomer- und Förderpreis. Grund genug, die 144 Seiten diese ganz wunderbare Graphic Journey etwas näher unter die Lupe zu nehmen.

Alltagsskizzen einer indischen Metropole

Lörschers Herangehensweise an das Projekt Making Friends in Bangalore ist gleichzeitig simpel und brillant; denn er hat aufgrund mangelnder Vorkenntnisse nach eigener Aussage genau das getan, was ein Zeichner an einem fremden Ort tut, wenn er sich nicht auskennt: Nämlich auf die Straße gesetzt und begonnen, seine Eindrücke und Begegnungen mit den Einheimischen im Skizzenbuch festzuhalten, um herauszufinden, wie die Menschen in Bangalore leben, arbeiten, wie sie denken und was sie in ihrem Alltag bewegt (siehe dazu auch die einheimische Perspektive des Inders Altaf Tyrewala in seinem Langgedicht Das Ministerium der verletzten Gefühle) . Der Deutsche beginnt also auf diese Weise zu zeichnen, was er vor Ort in Indien sieht und dringt dabei immer tiefer in den Alltag der Metropole vor. Denn – und dies ist ein durchgängiges Element der in dem Band skizzierten Erlebnisse – die Menschen in Bangalore reagieren mit großer Neugier auf den Zeichner aus Deutschland. Lörscher selbst taucht dabei im Großteil der festgehaltenen Episoden lediglich als zeichnende Hand auf, die die jeweilige Begegnung aus einer Art Kameraperspektive festhält. So ist er in zahlreichen Szenen zwar präsent, nimmt das erzählende Ich aber gänzlich zurück bzw. rückt sein Gegenüber den Fokus der Geschichte. Dementsprechend folgen viele Geschichten des Bandes dem Schema, dass der Zeichner von Zuschauern umringt wird, die ihn nach dem Grund seines Tuns fragen und schließlich von ihm gezeichnet werden wollen, ihre Stadt zeigen bzw. Geschichte erzählen.

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Foto-Credit: (c) Sebastian Lörscher/Edition Büchergilde

Begegnungen zwischen indischer Tradition und Moderne

In der Summe entsteht auf diese Weise ist ein gezeichnetes Portrait der südindischen 8,5 Millionen-Metropole und ihrer Bewohner, den verschiedenen gesellschaftlichen Schichten, aber auch den teils seltsam anmuten Verbindungen der westlichen Kultur und dem eher traditionell ausgerichteten Indien. Mal als kurze, für sich stehende Tusche-Momentaufnahmen in schwarz-weiß; mal als Portraits mit Namen oder als farbenfrohe Buntstiftzeichnungen in Form mehrseitiger Episoden, die mit Sprechblasen in Englisch und Hindi die jeweilige Geschichte der Begegnung erzählen. All dies in Form eines faksimilierten Drucks des eingangs erwähnten roten Skizzenbuchs.

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Foto-Credit: (c) Sebastian Lörscher/Edition Büchergilde

Entsprechend finden sich in Making Friends in Bangalore u.a. gezeichnete Bilder einer Hindu-Heirat, einer muslimischen Selbstkasteiungsorgie, die Begegnung mit fünf irakischen Gaststudenten, die von deutschen Fußballklubs schwärmen und (Achtung: wegen Merkel und Hitler, so die Begründung!) lieber in Deutschland wären, mehrere Begegnungen mit der Filmstudentin Rucha, die Lörscher am Ende – allerdings unter schlagkräftiger Unterstützung der lokalen Polizei – eine kaputte linke Hand einbringen. Nach dieser schmerzhaften Erfahrung operiert die Kamerahand des Zeichners fortan mit einer Bandage. Neben solch kleinen, liebevollen Details zeichnet sich diese Graphic Journey vor allem aber durch ein feines Gespür für Pointen und Dialoge aus, die einerseits auf charmante Weise die Fremdheit des jeweils anderen verdeutlichen, andererseits aber auch wiederum andeuten, wie eng die Welt inzwischen zusammengerückt ist. Gemäß des Titels dieses Bandes liegt der Schwerpunkt hier aber definitiv auf der freundlichen und zugleich staunenden Begegnung mit dem fremden Gegenüber.

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Foto-Credit: (c) Sebastian Lörscher/Edition Büchergilde

Abgerundet werden die einzelnen Skizzen und Episoden durch einen ebenfalls gezeichneten Epilog, in dem der Berliner Illustrator anhand einzelner Stichwörter verschiedene (landeskundliche) Aspekte Bangalores und seiner Menschen mit Fakten unterfüttert. Warum hier allerdings diese Stichworte auf Englisch gewählt hat, erschließt sich mir aufgrund der deutschsprachigen Texte nicht so ganz. Aber das mag sicherlich Geschmackssache sein. Grundsätzlich stimmt der Informationsgehalt hier aber auf jeden Fall und diese Passagen liefern – zusammen mit den beigefügten Fotos – einen interessanten Werkstattbericht über die Hintergründe und die Entstehung des Skizzenbuchs. Gerade mit diesem Wissen lassen sich die einzelnen Episoden und Bilder aus einer etwas anderen Perspektive betrachten. Die Lektüre ist aber keineswegs Voraussetzung um diese gezeichneten Begegnungen mit den Menschen in Bangalore zu verstehen. Denn auch ohne diese Informationen zieht die Graphic Journey den Leser sofort in ihren Bann.

Fazit eines wunderbaren Reiseberichts in Skizzen

Zunächst bleibt festzuhalten, dass Making Friends in Bangalore zwar keineswegs das Rad des Reiseberichts neu erfindet, dafür ist Lörschers Projekt zwei wesentlichen Traditionslinien verbunden: Zum einen knüpft er an die zeichnenden Forscher wie z.B. Georg Forster oder Alexander von Humboldt an, die ebenfalls einen immensen Schatz an Zeichnungen und Skizzen von ihren Reisen mitbrachten. Zum anderen arbeitet der Berliner Illustrator im Stil der modernen Graphic Novels, mit denen dem Medium Zeichnung in den letzten Jahren sicherlich ein Schritt in Richtung eines eigenständigen, erwachsenen Genres gelungen ist. Der Band nimmt aber insofern eine Ausnahmestellung im Rahmen der aktuell vorhandenen deutschsprachigen Reiseliteratur ein, als diese beiden Traditionslinien zu einem Reisebericht in Bildern verbindet, der – im wahrsten Sinne des Wortes -, ein sehr persönliches Bild dieses Schmelztiegels indischer und westlicher Kultur und der in ihm lebenden Menschen zeichnet.

Ohne mich an dieser Stelle aber auf das von vielen anderen Rezensenten gebrauchte Authentizitätsargument einzulassen (was auch immer dies im Kontext von Making Friends in Bangalore heißen mag?), aus dem zuvor skizzierten Spannungsfeld ziehen viele der in diesem Band gesammelten Begegnungen ihren besonderen Reiz und Witz. Und genau darin liegt der Charme dieser ganz wunderbaren Graphic Journey.  Es wird auf jeden Fall spannend sein, den weiteren Weg von Sebastian Lörscher zu verfolgen. Und wer weiß, vielleicht wird es irgendwann auch die umgekehrte Perspektive eines indischen Reisenden geben, der seine Eindrücke von Deutschland per Skizzenbuch festhält. Ob dieser Reisende von ähnlicher offenherziger Neugier berichten würde, steht auf einem anderen Blatt. Für den Moment sei aber festgehalten:  Wer sich für das Thema Reiseberichte aus bzw. über Indien interessiert, sollte im Falle von Making Friends in Bangalore unbedingt zugreifen. Alle anderen aber definitiv auch.

Ein ganz tolles Buch. 🙂

9783864060380_Loerscher_small-coverKurzinfo zur Graphic Journey
Making Friends in Bangalore. Mit dem Skizzenbuch durch Indien
Autor und Illustrator: Sebastian Lörscher
Edition Büchergilde; 1. Auflage 2014 – ISBN-13: 978-3864060380
144 Seiten – Größe 28 x 19 x 1,2 cm – Preis: 21,95 €
Website: Making Friends in Bangalore bei buechergilde.de 

P.S.: Vielen Dank an Stephanie Haerdle von Kirchner PR, die mir das Bildmaterial des Bandes für diese Rezension zur Verfügung gestellt hat.

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