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Rezension – Altaf Tyrewala: Das Ministerium der verletzten Gefühle (Berenberg Verlag)

Was hat ein Lyrikband, zumal auch noch ein Langgedicht, auf einem Blog wie reise-berichten.de zu suchen? Auf den ersten Blick relativ wenig sollte man annehmen, auf den zweiten Blick eine ganze Menge, sage ich. Zumindest im vorliegenden Fall von Altaf Tyrewalas Das Ministerium der verletzten Gefühle (Berenberg), welches kurz nach Frankfurter Buchmesse 2013 in meinem Bonner Briefkasten landete. Dass ein deutscher Verlag den Mut besitzt, einen ausländischen Dichter auf dem hiesigen Buchmarkt zu publizieren ist schon für sich genommen ein bemerkenswerter Umstand. Wenn dies aber zugleich noch ein in Deutschland relativ unbekannter Autor aus Indien ist, dann ist erscheint mir dies ein mehr als hinreichender Grund, einen solchen Band im Rahmen einer Rezension etwas näher unter die Lupe zu nehmen.

Altaf Tyrewala und der gescheiterte Versuch erzählerischer Bündelung

Das Thema Literatur aus Indien ist auf dem deutschen Buchmarkt sicherlich nicht mehr als eine Randnotiz. Zwar gibt es inzwischen zahlreiche Reiseführer und –berichte über die seit Jahren aufstrebende Wirtschaftsmacht (siehe dazu auch die vorliegende Rezension der gelungenen Graphic Journey Making Friends in Bangalore von Sebastian Lörscher), hinsichtlich der aktuellen Literatur weiß man in Deutschland demgegenüber allerdings relativ wenig. Wie lässt sich nun dieses im Original 2012 unter dem Titel The Ministry of Hurt Sentiments publizierte Langgedicht von Altaf Tyrewala verorten?

Zunächst eine kleine Relativierung der oben getroffenen Aussage über den Bekanntheitsgrad des indischen Autors, der 2006 in Deutschland mit seinem Debüt Kein Gott in Sicht (Suhrkamp) sehr positive Kritiken erhielt. Während dieser Roman das Sujet der auseinanderstrebenden Kräfte Mumbais auf ca. 200 Seiten in Prosaform noch bündeln konnte, wollte dies dem Autor in der Folge bzw. dem Versuch eines neuen Romans nicht mehr gelingen. Als Nebenprodukt dieses gescheiterten Buchprojektes entstand dann das Langgedicht Das Ministerium der verletzten Gefühle, welches nun auch erstmals in deutscher Sprache vorliegt.

Ein poetischer und wütender Streifzug durch Mumbai

Und an diesem Punkt setzt das vorliegende, von Beatrice Faßbender in ein zugleich nüchternes wie scharfes Deutsch übersetzte Poem dann auch an. Denn Tyrewala nimmt den Leser mit auf einen (literarischen) Streifzug durch den chaotischen Alltag der indischen 18-Millionen-Metropole Mumbai. Wobei die Zuschreibung chaotisch hier eigentlich als Beschönigung verstanden werden muss. Vielmehr erscheint Tyrewalas Langgedicht als eine wütende Anklage gegen die Zustände seiner Heimatstadt. Insofern ist der zweite Teil des Titels (verletzte Gefühle) wörtlich zu nehmen.

Zwar klingt an vielen Stellen eine gewisse Faszination für die Versuche ihrer Bewohner durch, sich im rastlosen Mumbai ihre Existenz zu sichern, jedoch ist das Entsetzen und der Zorn über das Vorgefundene in jeder Zeile dieses vorbeiziehenden (Text-)Fluss städtischer Impressionen und Schicksale mehr als deutlich spürbar. Egal ob der Teeverkäufer Ganesh, dessen Straßenstand einer Bushaltestelle weichen muss und dem selbst ein Selbstmordversuch misslingt oder die Dalit Bhanu, die in einer Hütte neben dem Luxushochhaus ihres Herrn im Dreck ärmlicher Verhältnissen elendig verreckt. Am Ende sind alle – trotz des täglichen Überlebenskampfes – Verlierer in einer entfesselten Metropole, deren Entwicklung stellvertretend für das ganze Land steht. Sprachlich spiegelt sich dieses Panoptikum großstädtischer Impressionen im Angesicht der Widersprüche des globalisierten Kapitalismus in einer atemlosen, teils arrhythmischen Konzentriertheit der Impressionen wieder, die sich vor allem aus dem Spannungsfeld von deskriptiven Passagen und stakkatoartigen, wütenden Wortsalven ergibt.

Das Ergebnis unter Rückbezug auf den Titel dieses Langgedichts: Ein äußerst scharfsichtiges Portrait einer für den Europäer auf den ersten Blick fremden Welt, welches die vorgefundenen Exzesse zwar keiner tiefgehenden Analyse unterzieht, sich in seinem zornigen Wortfluss aber nachhaltig einprägt. Und gerade mit diesen anklagenden Beschreibungen entsteht eine (emotionale) Irritation, die im Sezieren der vorgefundenen Ungerechtigkeit und religiös begründeten Unruhen für die betroffenen Einzelschicksale Stellung bezieht. Auf wessen Seite das Ministerium der verletzten Gefühle und sein Sprecher also letztendlich stehen, wird relativ schnell deutlich.

Fazit: Voltaire oder doch T.S. Eliot?

Um es an dieser Stelle gleich vorweg zu nehmen, das vorliegende Das Ministerium der verletzten Gefühle ist weder inhaltlich noch sprachlich leichte Kost. Umso mehr ist die Übersetzungsarbeit von Beatrice Faßbender bei dieser zweisprachigen Ausgabe (englisch/deutsch) zu loben, die – trotz des Verzichts auf die Übersetzung einer Reihe idiomatischer Redewendungen und Wortspiele – den Grundton des englischen Originals trifft. Hilfreich im vorliegenden Berenberg-Band auch der von Faßbender beigesteuerte Glossar, der zum Verständnis vieler Namen, den Bezügen zu aktuellen und historischen Ereignissen sowie deren Begrifflichkeiten beiträgt.

Abschließend noch ein Wort zum – auch im Rahmen vieler anderer Rezensionen – gebrauchten Vergleich zu T.S. Eliots legendärem Langgedicht Waste Land aus dem Jahre 1922. Zwar verleitet Tyrewala selbst mit einer entsprechenden Anspielung im Text auf das offensichtliche literarische Vorbild, trotzdem werde ich den Eindruck nicht los, dass es hier vor allem um eine formellen Bezug geht. Lässt man diesen außen vor, so klingt hier vor allem auch der Geist von Voltaires Meisterwerk Candinde an. Allerdings ohne den ihm eigenen, bissigen Witz. Obwohl wünschenswert, scheint diese Haltung angesichts des Geschilderten im 21. Jahrhundert auch nicht mehr möglich. Am Ende bleibt Voltaires Protagonisten im Angesicht der besten aller Welten nur, den Garten zu bestellen; für Tyrewala ist es ein lebenswertes Leben, das als rare Chance nur an einem anderen Ort möglich erscheint.  Und darin begründet sich der Zorn des Autors.

Das Ministerium der verletzten Gefühle ist, wie eingangs gesagt, keine leichte, dafür aber äußerst lesenwerte literarische Kost. Lässt man sich auf die ungewohnte Form des Langgedichts ein, so kann man viel über das Indien des frühen 21. Jahrhunderts lernen.

Rezension - Altaf Tyrewala - Das Ministerium der verletzten Gefühle - Berenberg Verlag - Cover Small
Kurzinfo zum Buch
Das Ministerium der verletzten Gefühle
Autor: Altaf Tyrewala übersetzt von Beatrice Faßbender
Berenberg Verlag 2013 – ISBN-13: 978-3937834672
100 Seiten – 22,8 x 15,2 x 0,8 cm – Preis: 19,00 Euro
Website:  Berenberg Verlag Informationen zum Langgedicht

P.S.: Und am Ende natürlich auch wieder der obligatorische Dank. Dieses Mal an Katrin Ritte von Kirchner PR, die mir den Band für diese Besprechung zur Verfügung gestellt hat. 🙂

Weitere Informationen zum Ministerium der verletzten Gefühle

In Kategorie: Asien, Rezensionen

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Angesichts des Chaos in der Welt, gegen den Optimismus, der zerplatzt ist, bleibt nur die Aufgabe, den Garten zu bestellen. Dies ist ein solcher Garten. :-) Andere Gartenarbeiten von mir gibt es auch auf: Facebook und Google+.

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